FE Zur Konzeption der Erzieherausbildung

Sie erfahren hier Grundsätzliches zur geltenden Konzeption dieses Berufes und wie sich die Ausbildung in den letzten Jahren bis zur Jahrhundertwende an der BwFachS Köln entwickelt hat.

Festrede der Schulfachaufsicht der Bezirksregierung Köln anlässlich des Festaktes zum 25-jährigen Bestehen des Fachschullehrgangs Staatlich anerkannter Erzieher an der Bundeswehrfachschule Köln 1999

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

zum 25jährigen Jubiläum des Fachschullehrgangs Staatlich anerkannter Erzieher an der Bundeswehrfachschule Köln gratuliere ich allen Studierenden und Lehrerinnen und Lehrern im Namen der Bezirksregierung Köln, aber auch persönlich sehr herzlich.

 

Ich bin Ihrer Einladung gerne gefolgt und freue mich, zumindest anteilig diesen Jubiläumstag mit Ihnen feiern zu dürfen.

 

Sie haben ein Viertel Jahrhundert Erzieherausbildung auf ein knappes prägnantes Resümee verdichtet:

“Es hat sich gelohnt“ *

Erlauben Sie mir dazu einige Anmerkungen:

1.    Der Fachschullehrgang Staatlich anerkannter Erzieher wurde 1974 durch einen Erlass des Kultusministers des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bundeswehrfachschule in Köln genehmigt – neben Kiel der Ausbildungsort, an dein sich ehemalige Soldaten für eine auf dem Arbeitsmarkt bislang nachgefragte sozialpädagogische Ausbildung qualifizieren und recht gut vermitteln ließen.

2.     Die Erzieher-Ausbildung hat eine etwa l5O-jährige Tradition; sie hat im Laufe der Jahrzehnte Veränderungen hinsichtlich des Berufsbildes, der Berufsbezeichnung und des Tätigkeitsfeldes erfahren.Als Beispiel: Veränderungen der Berufsbezeichnung:

Kindergärtnerin/Hortnerin/Heilerzieherin

heute: staatlich anerkannter Erzieher

3.     Wenngleich in einem zeitlich bescheideneren Rahmen von “nur“ 25 Jahren hat auch der Fachschullehrgang “Erzieher“ an dieser Schule verschiedene Wandlungen erfahren:

Mit Erreichen der “Schulreife“, d.h. nach 6 Jahren der Lehrgangserrichtung genehmigte der Kultusminister den Vertiefungsbereich Freizeitpädagogik. 14 Jahre später, nach In-Kraft-Treten der neuen APO-FS im Juni 1994 wurde dieser freizeitpädagogische Akzent zurückgefahren zugunsten einer stärkeren Ausrichtung auf eine Breitband­ausbildung, die für unterschiedliche sozialpädagogische Tätigkeitsfelder (Kita/Heim/offene Jugendarbeit etc.) qualifiziert.

4.     Neben Veränderungen auf einer mehr formalen, strukturellen Ebene will ich eine andere Seite der Ausbildungs-Bilanz von 25 Jahren ausleuchten, nämlich die qualitative.

Dazu hat mich u.a. die Broschüre der Bundeswehrfachschule mit ihrem (sinnhaften) Titel “Wege zum Erfolg“ inspiriert.

Bereits im November 1980 hat der Kultusminister im An­schluss an eine Dienstbesprechung in der Bundeswehrfachschule Köln dem Bundesministerium der Verteidigung einen

Erlass zugeleitet, aus dem ich folgende Vereinbarungen und Feststellungen zitiere:

“Die Anbindung der Ausbildungs- und Prüfungsmodalitäten an die für die Fachschule für Sozialpädagogik – Michael-Sailer-Institut in Köln getroffene Regelung wird aufgehoben.“

Worauf stützte sich der Kultusminister bei seiner Entscheidung?

“Die seit 1974 an der Bundeswehrfachschule Köln durchgeführte Ausbildung zum “Staatlich anerkannten Erzieher“ hat sich nach Übereinstimmender Auffassung der Beteiligten voll bewährt.

5.      Diesen eingeschlagenen Erfolgsweg haben die Verantwortlichen des FE-Lehrgangs in den Folgejahren konsequent weiterverfolgt.

Nachdem 1992 die Doppelspitze der Schulaufsicht – gemeint sind hiermit einerseits der in der Wehrbereichsverwaltung III für die Bundeswehrfachschule zuständige Referent Herr Hofmann und andererseits der Vertreter der staatlichen Schulaufsicht – modifiziert wurde (die staatliche Aufsicht wurde vom Kultusminister auf die Bezirksregierung Köln deligiert), hatte ich persönlich Gelegenheit, das bisher Erreichte und Geleistete, aber auch die Offenheit für Innovationen und das Engagement für die Umsetzung der Neuordnung der Erzieher-Ausbildung zu beobachten und zu unterstützen.

Von der Angebotspädagogik zur Entwicklungs- und Bildungsgangdidaktik, vom Fächerkanon zum handlungsorientierten, fächerübergreifenden Lernarrangement, von dem durch Lehrgangs- und Schulleitung, auch durch Richtlinien und Lehrpläne streng vorstrukturierten Weg hin zu offenen Lernsituationen, zu stärker eigenverantworteten, selbstgesteuerten Lernprozessen durch die Lehrgangsteilnehmer – das alles sind begriffliche Verdichtungen, die den Wechsel innerhalb der didaktisch-methodischen und bildungspolitischen Diskussion Über die Erzieherausbildung charakterisieren.

Sie machen deutlich, mit welch komplexen Aufgaben und Herausforderungen die sozialpädagogischen Fachschulen durch die Veränderungen in Gesellschaft und Umwelt in ihrem Bildungsauftrag determiniert wurden.

Von den Ausbildungsstätten wurde und wird erwartet, dass sie arbeitsmarktkonform und bedarfsorientiert reagieren können, zugleich ihre berufliche Qualifizierungsarbeit zukunftsoffen ausrichten und weiterentwickeln sollen.

Dazu einige konkrete Belege:

Vor dem In-Kraft-Treten des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes verstand sich die Jugendhilfe als ein Ordnungs- und Eingriffsorgan (“gescheiterte elterliche Erziehung“); seit der Novellierung im Jahre 1991 gilt das KJHJ als modernes Dienstleistungsgesetz, dessen primäre Aufgabe in der Verbesserung der Lebenswelt von Kindern/Jugendlichen und ihren Familien liegt ( i. S.  des QM hat ein Perspektivenwechsel stattgefunden, nämlich eine klare Kundenorientierung). Dieses neue Selbstverständnis musste sich in der Folgezeit logischerweise in der Ausbildung und Weiterqualifizierung von sozialpädagogischen Fachkräften, die in Einrichtungen der Jugendhilfe tätig sind, niederschlagen.

Als die Landesregierung 1993 allen Kindern ab dem 3. Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz zusicherte, kamen auf die öffentlichen und freien Träger sowie zahlreiche Elterninitiativen erhebliche finanzielle Belastungen durch den Ausbau an Kindergartenplätzen und die erweiterten Personalkosten zu.

Zeitgleich musste die Ausbildungskapazität in den sozialpädagogischen Fachschulen in kürzester Zeit verdoppelt werden – und zwar mit einer vergleichsweise bescheidenen Erhöhung der personellen und sachlichen Mittel (Klassenstärken Über dem Höchstfrequenzwert von 31 Schü­lern/Klasse waren nicht ungewöhnlich). Parallel zur quantitativen Ausweitung des sozialpädagogischen Fachkräftebedarfs galt es, eine Reihe neuer, aus gesellschaftlichen Entwicklungen gewachsenen Aufgaben wahrzunehmen und didaktisch sinnvolle Lösungen dafür zu finden. Probleme, die sich aus den veränderten Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen ergeben hatten, sollten in das Ausbildungskonzept integriert werden:

beispielsweise:

·        auch bei größerer Gruppenstärke (mehr als 25 Kinder) deren Bedürfnissen gerecht zu werden und angemessene Hilfen zur Unterstützung ihrer Entwicklung zu geben

·        die Integration ausländischer Kinder/Jugendlicher zu fördern und multikulturelle Erziehungsarbeit umzu­setzen

·        behinderte und nicht behinderte junge Menschen ge­meinsam zu erziehen

 

·        veränderten Familienstrukturen und Familienlebenslagen (Trennung / Scheidung / Arbeitslosigkeit …) erzieherisch wirksam zu begegnen

 

·        Kinder und Jugendliche in ihrem Hinwachsen in eine hochtechnisierte Kommunikations- und Konsumgesellschaft zu begleiten und zu unterstützen

 

·        neue (erste) Begegnung mit der Natur zu ermöglichen (Waldkindergarten/Ökologieprojekte)

·        spielzeugreduzierte Kindergärten als Gegenentwurf zum Alltag anzubieten

·        und – besonders wichtig – das Kind/den Jugendlichen als Subjekt (neu) zu entdecken

Die didaktische und methodische Einbindung dieser viel­fältigen Aufgaben in ein tragendes ganzheitliches Ausbildungskonzept ist ein kontinuierlicher Prozess, der in der Bundeswehrfachschule maßvoll eingeleitet wurde und seitdem selbstkritisch evaluiert wird.

Seit dem 01. August 1999 liegt der Erzieherausbildung eine veränderte APO zugrunde, die u.a. bei einem obligatorischen Unterrichtsangebot an E und M die Möglichkeit vorsieht, die bundesweit anerkannte Fachhochschulreife zu erwerben. – Parallel dazu ist der Entwurf einer neuen bundesweiten Rahmenvereinbarung für die Erzieherausbildung erarbeitet worden. Er liegt zur Verabschiedung vor. Es zeichnet sich bereits ab, dass dadurch für Nordrhein-Westfalen keine gravierenden strukturellen Veränderungen zu erwarten sind, d. bedeutet: die durch die APO-BK neu definierte Rechtsgrundlage wird mit der KMK-Vereinbarung kompatibel sein.

Während die KMK-Vereinbarung von 1982 die Inhalte, Fächer, Lernbereiche sowie Stundenanteile der Ausbildung genau definierte und damit verbindlich festschrieb, eröffnet der aktuelle Entwurf größere Gestaltungsräume für die einzelnen Bundesländer. Gemeinsam vereinbartes und damit obligatorisches Element ist die Akzentuierung von bzw. die Orientierung an Qualitätsstandards für die Erzieherausbildung.

Die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe als Deutsches Nationalkomitee der Weltorganisation für frühkindliche Erziehung hat in einer Stellungnahme den Reformbedarf in der beruflichen Qualifizierung von Erziehern/Erzieherinnen konkretisiert:

Es geht ihr im wesentlichen darum, Schlüsselkompetenzen, Erkenntnisse und Einstellungsorientierungen zu identifi­zieren, die für eine sozialpädagogisch qualifizierte Arbeit mit Kindern, aber auch mit Erwachsenen in einer Vielfalt von Zuständigkeiten notwendig sind. Die AGJ hält deshalb für eine zeitgemäße Bildungs- und Erziehungsar­beit die Orientierung der Ausbildung an zentralen Schlüsselkompetenzen wie

·        systemischen Denken

·        Verantwortungsbewusstsein

·        konzeptionelle Flexibilität

·        Kreativität

·        kulturelle Aufgeschlossenheit

·        Multiperspektivität

·        Konfliktfähigkeit

·        Selbstmanagement (persönliche Ressourcen wie Zeit und Kraft)

für unverzichtbar.

Durch die aktive Beteiligung der Lernenden an der eigenen professionellen Entwicklung und der beruflichen Identitätsbildung vollzieht sich in den sozialpädagogischen Ausbildungsstätten eine nach innen wirksame Reform der Erzieherausbildung.

Auf der inhaltlichen Ebene dieser Reform empfiehlt die AGJ neben der theoriegeleiteten Bearbeitung praxisnaher Aufgabenfelder die Fokussierung von persönlichkeitsbildenden Kompetenzen:

Gerade in den Erziehungsberufen – das gilt für Studierende und Lehrkräfte gleichermaßen – bedarf es persönlicher und professioneller Sicherheit und Stabilität, denn erziehen heißt:

Grenzen zeigen, Widersprüche aushalten, Vertrauen in den eigenen Standpunkt haben und mit kontroversen Standpunkten konstruktiv umgehen können.

Das heutige Jubiläum soll Anlass und Verpflichtung sein, den eingeschlagenen Weg der innovativen Weiterentwicklung der Erzieher-Qualifizierung erfolgreich fortzuführen,

denn es lohnt sich weiterhin!

Ich wünsche Ihnen für die Zukunft des FE-Lehrgangs an dieser Schule viel Erfolg und angemessene Rahmenbedingungen und danke für Ihr geduldiges und aufmerksames Zuhören.

* „Es hat sich gelohnt“ war das Motto des Jubiläums