FE Erzieherausbildung im Wandel

„Wandel in der Erzieherausbildung heute“

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit dem heutigen Fest begehen Sie das 30. jährige Jubiläum des Fachschullehrgangs „Staatlich anerkannter Erzieher“ an der Bundeswehrfachschule Köln und ich gratuliere allen Studierenden und Lehrkräften im Namen der Bezirksregierung Köln ganz herzlich dazu.

Ich bedanke mich für die Einladung zum Fest und freue mich, mit einem kleinen Ausblick auf die Erzieherausbildung von morgen dazu beitragen zu dürfen.

Seit 30 Jahren nun begleiten Sie junge Menschen, vor allem junge Männer auf ihrem Weg in einen pädagogischen Beruf und eine neue Qualifikation, und erweitern damit nicht nur das Spektrum der beruflichen Weiterbildung der Bundeswehr, sondern tragen so auch dazu bei, dass der Anteil der männlichen Vertreter im Berufsfeld der Erzieher ein wenig größer wird.

Insofern leisten Sie auch unter dem Aspekt des Gender mainstreaming eine wichtige Arbeit.

Wie die Erzieherausbildung in den ersten Tagen aussah – darüber habe ich leider keine Dokumente gefunden. Möglicherweise hatten die Lehrgangsteilnehmer – trotz Bundeswehrzugehörigkeit – ein wenig längere Haare als heute und auch der Unterricht dürfte anders abgehalten worden sein.

Anlässlich des 40 jährigen Bestehens der Bundeswehrfachschule im Jahr 1998 wurden die Leitziele des Lehrgangs aber schon so formuliert:

„Ziel dieser Ausbildung ist es“, so schrieben der damalige Bildungsgangleiter Lappas und die Kollegin Wieck in der Festschrift,

„dass der Lehrgangsteilnehmer durch Anleitung in natürlichen pädagogischen Situationen zunehmend selbstständig handeln und sein Tun kritisch reflektieren lernt. Er übernimmt Verantwortung, er bringt sich als Mensch mehr und mehr professionell ein und muß teamfähig und reflexionsfähig sein.“ ( Festschrift 1998, S. 17 f)

Hinter dieser Beschreibung steht die Perspektive der damals noch relativ neuen Richtlinien zur Erzieherausbildung von 1994, in denen das eigenständige Handeln der Lehrgangsteilnehmer als Lernsubjekt in den Vordergrund gestellt wurde.

1999, ein Jahr später, hat die schulfachlich zuständige Dezernentin der Bezirksregierung Frau Gaisbauer aus Anlass des 25. jährigen Bestehens des FS-Lehrgangs Erzieher auf den Paradigmenwechsel hingewiesen, der sich in den 90er Jahren vollzogen hatte und der seinen Ausdruck in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Berufskollegs fand. Ich zitiere:

„Von der Angebotspädagogik zur Entwicklungs – und Bildungsgangdidaktik.

Vom Fächerkanon zum handlungsorientierten, fächerübergreifenden Lernarrangement, von dem durch Lehrgangs- und Schulleitung, auch durch Richtlinien und Lehrpläne streng vorstrukturierten Weg hin zu offenen Lernsituationen, zu stärker eigenverantworteten, selbstgesteuerten Lernprozessen durch die Lehrgangsteilnehmer – das alles sind begriffliche Verdichtungen, die den Wechsel innerhalb der didaktisch­methodischen und bildungsgangpolitischen Diskussion über die Erzieherausbildung charakterisieren.“

Wenn ich heute an dieser Stelle zum Wandel in der Erzieherausbildung und ihren zukünftigen Perspektiven spreche, kann ich im Grund nahtlos an die Worte meiner Vorgängern anknüpfen.

Interessant ist nun die Frage: Wo stehen wir heute? Sind diese „begrifflichen Verdichtungen“ Realität geworden? Und welche Leitlinien für unser weiteres pädagogischen Handeln folgen daraus?

Sehen wir uns diese Realität einmal an!

Die beruflichen Anforderungen an den Erzieher, an die Erzieherin sind komplexer geworden. Kinder und Jugendliche leben heute in einer stark individualisierten Lebenswelt, die viele materielle Wünsche schnell und unmittelbar zu erfüllen scheint und frühe Unabhängigkeit vom Elternhaus suggeriert, also auch Unabhängigkeit von elterlicher Erziehung und Verantwortung..

Zugleich aber wissen wir, wissen Sie als pädagogisch professionell Handelnde aus Erfahrung um die Probleme, vor denen Kinder und Jugendliche heute immer häufiger stehen: der schnelle technologische Wandel bringt materielle Unsicherheiten, Arbeitsplatzverluste und eine Verringerung der Ausbildungsmöglichkeiten mit sich. Die Zukunftsangst der Kinder und Jugendlichen mit ihren Familien nimmt zu. Verkleinerte Familienstrukturen einerseits und der Zwang zu großer beruflicher Flexibilität in den Familien andererseits bedeutet für viele Kinder nur zu oft fehlende Betreuung und Kommunikation zu Hause und eine aus finanziellen Gründen eingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

So droht Individualisierung zur Isolation und zur Chancenlosigkeit zu werden.

Das von mir gezeichnete Bild der Klientel, mit der Erzieher zukünftig immer häufiger arbeiten, ist – . ich gebe es zu – nicht sehr differenziert Aber es entspricht den Ergebnissen der Sozialforschung und ein Stück weit auch unseren beruflichen Alltagserfahrungen.

Inzwischen wissen wir: die Herauforderungen, vor denen unsere Gesellschaft, vor allem aber unser Erziehungs- und Bildungssystem stehen, sind groß. Qualitativ gute professionelle sozialpädagogische Arbeit wird dringend benötigt. Die Diskussion um Konzepte zur Ganztagsbetreuung von Kindern und Jugendlichen macht deutlich, dass dies auch im politischen Bereich zunehmend erkannt wird.

Um diesen anspruchsvollen Aufgaben gerecht zu werden, müssen die zukünftigen Erzieher – die männliche Form verwende ich hier mit Blick auf Ihre Schule bewusst – Kompetenzen erwerben, die sie zu professionellem Handeln in unterschiedlichsten Situationen befähigt.

Mit der APO-BK vom 1999 hat der Gesetzgeber den Kompetenzerwerb in der beruflichen Bildung verankert. Die APO-BK definiert als Aufgabe der Berufskollegs, also auch der Fachschulen, dass sie „eine umfassende berufliche, gesellschaftliche und personale Handlungskompetenz vermitteln und die Schülerinnen und Schüler auf ein lebensbegleitendes Lernen vorbereiten. Damit werden sie qualifiziert, an zunehmend international geprägten Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft teilzunehmen und diese aktiv mitzugestalten. (siehe APO-BK, Allgemeiner Teil, § 1)

Kompetenz ist hier gemeint als Fähigkeit und Bereitschaft, etwas zu tun. Der Begriff schließt also immer den personalen Aspekt von Handeln, die Entscheidungsfreiheit und – fähigkeit des Lernenden sowie seine soziale Verantwortung in der Kooperation mit anderen mit ein. Dahinter steht ein konstruktivistischer Lernbegriff, der Lernen als eigenständige „Konstruktion von Welt“ in die „Hand – lung“ des Lernenden selbst legt.

Wer dies alles lernen und erwerben soll, braucht eine gute Ausbildung und gute Lehrerinnen und Lehrer – besser gesagt: Lehrerinnen und Lehrer mit entsprechenden Kompetenzen!

Kompetente Lehrkräfte, die nicht Unterrichtsstoff „durchnehmen“, sondern realistische Situationen als Lernanlässe zur Verfügung stellen und Lernprozesse der Studierenden begleitend gestalten!.

Kompetente Lehrkräfte, die Eigenständigkeit der Studierenden unterstützen und Perspektiven eröffnen für lebensbegleitendes also auch lebenslange Lernen!

Viele Lehrkräfte haben dies in Umsetzung der bisherigen Richtlinien von 1994 in enger Zusammenarbeit mit den Praxiseinrichtungen bereits in Gang gebracht. Insofern mag die eine oder der andere sagen: das kennen wird doch schon!

Die „begrifflichen Verdichtungen“ waren ja schon da und wiesen die Richtung, in die pädagogisches Handeln an Schule weitergehen musste.

Für den Einzelfall und für Ihren Lehrgang mag das richtig sein! Strukturell gesehen aber stehen wir für den Bereich der Fachschulen für Sozialwesen am Anfang!

Damit komme ich zu den konkreten Neuerungen, die sich durch Veränderungen in der Prüfungsordnung und durch neue Lehrpläne ergeben.

Mit Wirkung vom 01. August diesen Jahres tritt im Rahmen der APO-BK eine neue Fachschulverordnung in Kraft, die den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung trägt: für die Fachschulen für Sozialpädagogik bedeutet dies, dass sie „echte“ Fach – schulen werden, die eine einschlägige abgeschlossene Erstausbildung (z.B. Kinderpflege oder Sozialhelfer) sowie die Fachoberschulreife als Zugangsvoraussetzungen für die Erzieherausbildung verlangt. Ausnahmeregelungen für Hochschulzugangsberechtigte und Menschen aus anderen Berufsfeldern sind allerdings in Einzelfällen möglich. Dies ist ja gerade für Ihre Lehrgangsteilnehmerinnen und -teilnehmer wichtig .

Zudem gibt es die Möglichkeit flexibler Organisationsformen der Fachschulen und die Einführung von Selbstlernphasen im Unterricht, die von den Studierenden genutzt werden können, Projekte in eigener Verantwortung, begleitet von den Lehrkräften als Moderatoren, zu gestalten. Auch das Unterrichtsfach Projektarbeit gibt Raum für eigenverantwortliches Lernen Die einzelne Schule hat also – in Kooperation mit den Praxisorten – pädagogischen und organisatorischen Gestaltungsspielraum hinzu – gewonnen und kann die Bedürfnisse der Studierenden angemessener berücksichtigen.

Die neue Fachschulverordnung stellt die Orientierung auf berufliche Handlungsfelder in den Vordergrund. Dies spiegelt sich wider in der Konzeption des Fachschulexamens als einer Prüfung, in der die Studierenden beruflich relevante Problemstellungen zu bewältigen haben. Eine fachorientierte Prüfung findet lediglich im Rahmen der Fachhochschulreifeprüfung unter Berücksichtigung der in der Kultusministerkonferenz vereinbarten Standards statt. Für die Fachschulen des Sozialwesens ist diese Prüfung optional – der Studierende entscheidet zu Beginn der Ausbildung, ob er die FHR erwerben möchte und nimmt ein dementsprechend erweitertes Unterrichtsangebot wahr.

Zeitgleich mit der neuen APO-BK tritt der neue Lehrplan für die Fachschule für Sozialpädagogik in Kraft. Er orientiert sich – in Weiterentwicklung der letzten Richtlinien – an der didaktischen Konzeption, die gegenwärtig für das Arbeiten in Lernsituationen im beruflichen Kontext steht: der Lernfeldkonzeption.

Die Lernfeldkonzeption stellt typische berufliche Handlungsfelder in den Mittelpunkt und leitet hieraus schulisch aufbereitete, didaktisch reduzierte Lernfelder ab. Der Lehrplan benennt nicht nur Lernfelder, sondern formuliert auch für jedes Lernfeld Kompetenzen im fachlichen, methodischen, personalen und sozialen Bereich, die mit der Bearbeitung erworben werden sollen. Sie sehen hier die Entsprechung zur APO-BK.

Die einzelnen Lernfelder, im FSP-Lehrplan finden wir vier, werden für den Unterricht in der Schule durch einzelne Lernsituationen erschlossen, die die Studierenden im Rahmen vollständiger Handlungen bewältigen. Eine vollständige Handlung meint hier, dass nach der Erfassung des Problems und der Beschaffung von Informationen zur Lösung das eigene Handeln geplant wird. Die Handlung wird anschließend durchgeführt, ausgewertet und reflektiert.

Die Formulierung von Lernsituationen, ohne die eine Arbeit mit dem Lehrplan nicht geht, ist eine wesentliche Aufgabe der Bildungsgangkonferenz, der schulischen organisatorischen Einheit, die fachliches und organisatorisches know-how in der Schule verbindet. Hier kommen den Lehrkräften im Bildungsgang neue und – ich will das nicht verschweigen – durchaus auch vielfältige und anspruchsvolle Aufgaben zu. Vor allem die Teamarbeit wird hier nicht nur als Thema für Unterricht, sondern im konkreten Handeln der Lehrkräfte im Vordergrund stehen. Auch die Abstimmung von Stundenkontingenten und Fortbildungsbedarfen sowie die Evaluation der geleisteten Arbeit sollen Aufgabe der Bildungsgangkonferenz sein.

Auch hier also besteht mehr Eigenständigkeit in der Arbeit, aber auch mehr Abstimmungsbedarf und Verantwortlichkeit.

Von Unterrichtsfächern habe ich in diesem Zusammenhang kaum gesprochen. Doch es gibt sie – das Ministerium hat mit der Umsetzung der Lernfeldkonzeption in der Stundentafel und damit auch in den Zeugnissen Fächer als Ordnungselement beibehalten. Ihre Anzahl ist jedoch deutlich reduziert worden, da letztlich die Arbeit im Lernfeld im Vordergrund steht.

Die zentrale Botschaft dieses Lehrplans ist:

Stellt berufliche Handlungssituationen in das Zentrum schulischen Lernens! Stellt die Entwicklung von Fachwissen in den organischen Zusammenhang der Lernfeldarbeit! Überwindet die Fachsystematik!

Öffnet eure unterrichtliche und pädagogische Arbeit für Teamarbeit und auch für konstruktive Kritik!

Und nicht zuletzt: – bindet die Theorie enger an die Praxis, kooperiert enger mit den Praxiseinrichtungen!

Hier, sehr geehrte Damen und Herren aus den Praxiseinrichtungen, ist der Auftrag des Lehrplans zugleich das Angebot an den externen Partner: In Form einer engen Lernortkooperation sollen wichtige Absprachen zwischen Theorie und Praxis getroffen werden, um eine noch engere Verzahnung zu gewährleisten.

Wir alle wissen, dass eine gute Erzieherausbildung, so wie sie hier an das BWFS geleistet wird, nicht ohne enge Kooperation mit den Praxiseinrichtungen auskommt und ich bin sicher, dass sie bisher schon Alltag war!

Im neuen Lehrplan wie in der neuen APO-BK ist sie nun noch verbindlicher institutionalisiert.

In der Zusammenschau lässt sich feststellen:

die Neuorientierung, die in der Erzieherausbildung vorgenommen wurde, ist umfassend – und sie formuliert das, was vor einigen Jahren noch „begriffliche Verdichtungen“ waren als konkreten Arbeitsauftrag für Schule und Lehrerinnen und Lehrer. Gestaltungsspielräume einerseits und gemeinsame Verantwortung der Lehrkräfte für die Arbeit mit den Studierenden andererseits sind die Eckpunkte dieses Auftrags.

Dahinter steht der Anspruch der Studierenden auf eine qualitativ tragfähige Ausbildung und ihre Kompetenzentwicklung sowie die Verantwortung von uns allen für die Kinder und Jugendlichen, die ein gesellschaftlich getragenes und qualitativ hochwertiges Erziehungs- und Bildungskonzept brauchen und verdient haben.

Ich bin davon überzeugt, dass uns mit der neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung und dem Fachschullehrplan Sozialpädagogik ein Instrumentarium vorliegt, mit dem der seit den 90er Jahren anstehende Paradigmenwechsel in Schule vollzogen werden und unsere berufliche Bildung verbessert werden kann.

Auf welche Weise uns allen dies gelingt – das werden wir möglicherweise auf einem Festakt zum 35. jährigen Bestehen der BWFS beleuchten können, wenn wir – ganz im Sinne einer vollständigen Handlung – unser gemeinsames Tun kritisch reflektiert und evaluiert haben.

Bis dahin aber wünsche ich dem Kollegium und der Schulleitung des Fachschullehrgangs der Bundeswehrfachschule in Köln ebenso wie den außerschulischen Partnern in der pädagogischen Praxis eine erfolgreiche und konstruktive Weiterentwicklung der Erzieherausbildung an diesem Standort und – was ich immer besonders wichtig finde – Freude an der gemeinsamen Arbeit!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!